Politik

Ukraine vor dem nächsten Winter"Sie werden unsere Energieanlagen beschießen, wir werden sie reparieren, alles wie bisher"

27.09.2026, 09:05 Uhr imageInterview: Denis Trubetskoy
582242579
Blick auf Kiew, Anfang Februar dieses Jahres. Der vergangene Winter war in der Ukraine ungewöhnlich hart. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Die Ukraine geht in den fünften Kriegswinter. "Klar ist: Russland will erreichen, dass Kiew gänzlich ohne Strom und Wärme leben muss", sagt der ukrainische Energieexperte Andrian Prokip. "Das Wetter könnte auf unserer Seite sein." Er räumt aber ein: "Die Wärmeversorgung ist leider das schwächste Glied in unserem Energiesystem."

ntv.de: Herr Prokip, im letzten Jahr erlebte die Ukraine den kältesten Winter seit rund zwanzig Jahren mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad. In Kiew hatten Hunderttausende wochenlang keinen Strom und keine Heizung. Wie ist die Ukraine auf den kommenden Winter vorbereitet?

Andrian Prokip: Bis November müssten wir die Stromkapazitäten von insgesamt etwas mehr als 20 Gigawatt wiederhergestellt haben, was gerade bei stark gesunkenem Verbrauch trotz des großen Grundschadens für das Energiesystem locker ausreichen sollte. Doch für die Praxis spielt dies keine so große Rolle. In der Theorie waren wir Stand November 2025 in einem Zustand, in dem wir sogar Strom exportieren konnten. Dann kamen massive Angriffe und extreme Kälte. Entscheidend sind daher zwei Faktoren: Wie ist die ukrainische Flugabwehr aufgestellt und wie kalt wird der Winter?

whatsapp-image-2024-04-08-at-12.39.00-e1747407836314
Andrian Prokip ist Leiter des Energieprogramms am Ukrainischen Zukunftsinstitut, einer renommierten unabhängigen Denkfabrik in Kiew. Er ist zudem Senior Advisor am Kennan-Institute des Woodrow-Wilson-Zentrums. (Foto: uifuture.org)

Was heißt das konkret?

Bei der Flugabwehr gibt es einen Mangel bei den Abfangmitteln gegen ballistische Raketen. Die russischen Jet-Drohnen können zwar abgefangen werden, schaffen aber doch neue Probleme. Das wird Folgen haben. Das Wetter könnte dagegen auf unserer Seite sein. Der Winter soll wahrscheinlich nicht so kalt ausfallen, der Dezember soll sogar ziemlich warm werden. Für das nächste Jahr werden aber arktische Böen vorausgesagt, die je eine Woche dauern könnten, was nächtliche Temperaturen von bis zu minus 15 Grad bedeuten würde. Aber beim Verbrauch werden wir eine Verringerung beobachten.

Wegen der angepassten Stromverteilung?

Zum Teil. Wir sollten bis zum Winter insgesamt etwa 800 Megawatt Windenergie produzieren. Die Hälfte der Kapazitäten funktioniert schon, das ist nicht wenig. Wir haben Gaskraftwerke, und mit gefüllten Gasspeichern haben wir aktuell überhaupt kein Problem, zudem entwickelt sich die erneuerbare Energieerzeugung generell gut. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft auf eigene Solarpaneele und eigene Gasgeneratoren setzt. Ein weiterer Faktor ist der faktische Stopp der Metall verarbeitenden Industrie, die viel Strom verbraucht hat. Der Peak des Stromverbrauchs wird daher geringer ausfallen.

Sie haben von den gefüllten Gasspeichern gesprochen. Heißt das, dass die Heizprobleme weniger gravierend sein werden als im vorigen Winter?

Die Wärmeversorgung ist das schwächste Glied in unserem Energiesystem. Wir haben viele Angriffe auf Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen gesehen - und auch vereinzelt Beschuss der kommunalen Heizwerke. Ich glaube, die Entwicklung der Angriffe mit Jet-Drohnen deutet darauf hin, dass die Angriffe auf diese kleineren Heizwerke ausgeweitet werden könnten. Auch hier spielt das Wetter aber eine Schlüsselrolle. Angriffe auf zentrale Kopplungsanlagen waren schon im Winter 2022/2023 bedeutend, aber bei den Temperaturen um null Grad hatte dies keine allzu großen Auswirkungen und der Beschuss war daher nicht so aktiv. Das Wärmesystem ist insgesamt leider anfällig, aber bei wärmerem Wetter als 2025/2026 sollte die Situation zumindest nicht schlechter sein.

Russland will Kiew möglichst unbewohnbar machen. Was erwarten Sie da?

Es kann tatsächlich zu einer Situation kommen, in der vereinzelte Regionen mit extremen Problemen zu kämpfen haben. Das haben wir in der Vergangenheit neben Kiew etwa in Odessa stark gesehen. Klar ist: Russland will erreichen, dass Kiew gänzlich ohne Strom und Wärme leben muss. Und wir könnten nicht ausschließen, dass es in einer Region wie Kiew über einen Zeitraum von etwa einer Woche so gut wie keinen Strom gibt - oder nur zwei Stunden pro Tag. Aber das ist der Zustand wie im letzten Jahr, nichts noch Dramatischeres.

Es gab viel Kritik an der Stadtverwaltung von Kiew, vor allem an Bürgermeister Vitali Klitschko, weil das grenznahe Charkiw, wo viele Energieanlagen schon im ersten Jahr des vollumfänglichen Kriegs vernichtet wurden, besser durchgekommen ist. Hat sich da etwas getan, etwa durch die Verlegung von Anlagen unter die Erde?

Charkiw hat mit der Verlegung der kritischen Infrastruktur viel früher angefangen, was natürlich an den geografischen Umständen liegt. Zudem ist Charkiw zwar eine große Stadt, die zweitgrößte in der Ukraine, aber bei Weitem nicht so groß wie Kiew. Die Hauptstadt hat in der Tat vieles verschlafen, was man jetzt nachzuholen versucht. Doch man sollte hier realistisch sein: Der volle Umbau eines zentralisierten Systems, welches über Jahre geplant wurde und viele Jahrzehnte funktioniert hat, kann nicht im Laufe von zwei, drei Jahren gelingen. Weder finanziell noch zeitlich noch mit Blick auf die verfügbaren Arbeitskräfte.

Russland hat in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, die Umspannwerke und Transformatoren der drei verbliebenen Atomkraftwerke, die den Großteil des Stroms produzieren, anzugreifen, um die Hälfte der Ukraine für einige Wochen in einen Blackout zu schicken. Das hat nicht funktioniert, was zu den Gründen zählt, warum die Russen jetzt so stark auf Kiew zielen. Gibt es trotzdem Risiken?

Russland wird weiterhin daran arbeiten, die Atomkraftwerke vom Stromnetz abzuschneiden. Es geht jedoch um Hunderte von relevanten Objekten, die angegriffen werden müssten, weswegen das nicht gelingen wird. Sie werden sie beschießen, wir werden sie reparieren, alles wie bisher. Über Nacht können sie all das realistischerweise nicht ausschalten - und so kommen wir irgendwie bis zum März.

Wie wichtig werden die Stromimporte aus der EU, die der Ukraine in den vergangenen Jahren so geholfen haben?

Wir können uns auf rund 2,5 Gigawatt aus der EU verlassen. Das ist wichtig. Jedoch kommen wir hier zurück zum Thema der Versorgung einzelner Regionen: Je weiter eine Stadt von den westlichen Grenzen entfernt liegt, desto schwieriger ist der Transport, denn diese Leitungen und Umspannwerke sind es, die angegriffen werden. Wir werden immer wieder Situationen erleben, in denen es im westukrainischen Uschhorod keine Probleme mit der Stromversorgung gibt, während Odessa kaum bis gar keinen Strom hat. Die Stromleitungen über den Fluss Dnipro werden mit Sicherheit erneut angegriffen, um für besonders große Probleme zu sorgen. Auf diese unterschiedliche Situation an den beiden Ufern des Dnipro setzen die Russen ja auch, um die im Informationskrieg ukrainische Gesellschaft zu spalten.

Sind Sie mit Blick auf die kommenden Monate trotzdem optimistisch pessimistisch?

Ich bin Optimist, auch wenn das viele meist überrascht. Dies liegt vor allem daran, dass die Messlatte bei mir recht niedrig liegt. Wir haben all diese Probleme schon in unterschiedlichen Formen gehabt und unter extrem schwierigen Bedingungen von planmäßigen und unplanmäßigen Stromausfällen gelebt. Diese Szenarien werden sich wiederholen, aber alle wissen inzwischen, was in welchem Fall zu tun ist. Ich glaube, viel schlimmer als im letzten Winter wird es nicht sein.

Mit Andrian Prokip sprach Denis Trubetskoy

Quelle: ntv.de

RusslandCharkiwAngriff auf die UkraineInterviewsUkraineKiew