SachsenWarum deutsche Flugzeugbauer in die UdSSR gebracht wurden

Konrad Eulitz war zwei Jahre alt, als seine Familie 1946 in die Sowjetunion gebracht wurde. Jahrzehnte später beschäftigt er sich intensiv mit den Geschehnissen.
Dresden (dpa/sn) - Am 22. Oktober 1946 klopfen früh um 6.00 Uhr zwei Männer an eine Wohnungstür in Halle an der Saale. Ein russischer Hauptmann und ein Soldat mit einer Waffe teilen der Familie dort mit: "Nach Befehl Nummer 228 werden Sie in die UdSSR verbracht. Wohin, kann ich Ihnen jetzt nicht sagen. Um zwölf komme ich wieder, und was Sie bis dahin alles eingepackt haben, können Sie mitnehmen."
Die Mutter lässt daraufhin die Schränke der Familie mit allem Hausrat zunageln und auf den Lkw vor der Haustür schaffen. Um 12.00 Uhr wird das Ehepaar mit seinen drei Söhnen zum Bahnhof in Halle gebracht und steigt dort in einen Zug. Wohin es geht, wissen sie zu diesem Zeitpunkt nicht. So hat seine Mutter Konrad Eulitz die Geschehnisse von damals erzählt.
Eulitz' Familie war eine von vielen, die an diesem Tag in Richtung Sowjetunion gebracht wurden - weil man sich dort die Expertise von Spezialisten aus der Forschung sichern wollte. Nun, zum 80. Jahrestag dieser Geschehnisse am Donnerstag, will Eulitz dazu in Dresden einen Vortrag halten.
Warum wurde die Familie mitgenommen?
Laut dem Historiker Christoph Mick, der an der Universität Warwick lehrt, wurden an diesem Tag 2.300 sogenannte Spezialisten mit ihren Familien in die Sowjetunion gebracht. Insgesamt traf dieses Schicksal nach Micks Schätzung zwischen 1945 und 1947 rund 3.000 Spezialisten. Darunter waren Fachleute für Kernphysik, Optik und Raketenforschung – und, wie im Fall von Eulitz' Familie, für Luftfahrt. Eulitz' Vater war, so erzählt er es, Aerodynamiker von Beruf.
Diesen Transport der Spezialisten und ihrer Familien in die Sowjetunion beschreibt Mick als "Deportation", die unfreiwillig erfolgte. Auch Eulitz sagt: "Für die Betroffenen war es eine Entführungsaktion." Eulitz selbst ist damals nach eigenen Angaben zwei Jahre alt und das jüngste Kind der Familie, als sie in die UdSSR gebracht werden. Er selbst könne sich an diesen Tag nicht erinnern, sagt er.
Wettlauf um Wissen
Mit der Aktion wollte sich die Sowjetunion deutsches Wissen und Forschungsergebnisse sichern. Viele Wissenschaftler in der Sowjetischen Besatzungszone hatten bereits für die Sowjetunion gearbeitet und geforscht. Dennoch beschloss man dort, die Spezialisten in die UdSSR zu bringen, wie die Historiker Rainer Karlsch und Burghard Ciesla in einem gemeinsamen Aufsatz schreiben.
Laut Mick hatten die einzelnen sowjetischen Industrieministerien die Verlegung der deutschen Experten betrieben. Nach Ciesla führte der sowjetische Staatssicherheitsdienst NKWD die Aktion durch.
Ciesla vermutet, dass die amerikanische Aktion Paperclip die Sowjets zusätzlich unter Druck gesetzt haben könnte, sich das Wissen der Spezialisten zu sichern. Die Amerikaner hatten bereits Anfang 1946 begonnen, Wissenschaftler für ihre Zwecke zu rekrutieren.
Teil der Aktion Ossawakim?
Was am 22. Oktober 1946 passierte, wurde später auch als Aktion Ossawakim bezeichnet, wie Karlsch und Ciesla schreiben. Eulitz lehnt diesen Oberbegriff ab. Er beschreibt das Geschehene lieber mit dem Befehl 228, der speziell die Deportation der Luftfahrtingenieure veranlasst hatte. Dieser Befehl ist laut einer Veröffentlichung des Physikers Gerhard Barkleit im April vom Minister für Luftfahrtindustrie der UdSSR erlassen worden, um den Transport der Spezialisten in die UdSSR vorzubereiten.
Leben in der Sowjetunion
In der Sowjetunion sei es für Eulitz' Familie nach Podberesje gegangen - ein Ort an der Wolga. Heute heißt der Ort Dubna III, wie Eulitz sagt. An die Fahrt dorthin kann er sich nicht erinnern, an die Zeit in der UdSSR dagegen sehr wohl.
Die Kinder gingen dort auf eine deutsche Schule und man traf sich mit den anderen deutschen Familien zu Theater, Konzerten oder Tanzorchestern. Es sei den deutschen Familien dort gut gegangen, doch verlassen durften die Erwachsenen Podberesje ohne eine Begleitung nicht, erinnert sich Eulitz.
Er sagt: "Wir Kinder hatten dort eine sorgenfreie, wunderschöne Kindheit." Erst auf seiner Rückfahrt nach Deutschland habe Eulitz bei der Durchfahrt durch Polen und in Deutschland selbst zerstörte Städte und Industrie gesehen, wie er erzählt.
Rückkehr nach Deutschland
Im September 1950 wird die Familie zurück nach Halle gebracht. Von dort aus ging es nach einiger Zeit mit Zwischenstation in Berlin nach Dresden. Hier arbeitete Eulitz' Vater bei den Flugzeugwerken Dresden. Beim Bundesarchiv heißt es, dass die Wissenschaftler in den 50ern zurückgebracht wurden, nachdem ihr Wissen "abgeschöpft" war.
Woran der Vater in der UdSSR gearbeitet hat, wussten die Kinder nicht. Geredet wurde darüber zu Hause nicht. "Man muss wissen, dass in der DDR darüber nicht geredet werden konnte", meint Eulitz. Als Erwachsener wurde er dann selbst Luftfahrtingenieur und arbeitete in Dresden.
Auseinandersetzung mit dem Erlebten
Als Rentner beginnt er, in der Interessengemeinschaft Luftfahrt Dresden Vorträge über die Luftfahrtgeschichte zu halten. Nach langer Überlegung habe er dann beschlossen, wie er selbst sagt, sich mit den Deportationen der Spezialisten einmal selbst zu beschäftigen.
Schließlich reift der Entschluss in ihm, auch einen Vortrag zum 80. Jahrestag der Deportation der Luftfahrtspezialisten in Dresden zu halten. Dabei hätten ihn auch seine beiden Enkel unterstützt, die von ihm viel über die Zeit hatten wissen wollen. "Mir wurde dabei klar, dass die nachfolgenden Generationen über solche Nachkriegsaktionen der Sowjets und Amerikaner nicht erfahren haben", sagt Eulitz.