Baden-Württemberg"Überreaktion": Mann wegen Schüssen auf Rocker vor Gericht

Ein Mann soll sich 2021 in einem Café in Mannheim von Mitgliedern eines Motorradclubs gestört gefühlt haben. Überraschend schießt er. Jetzt steht er wegen versuchten Mordes vor Gericht.
Mannheim (dpa/lsw) - Mindestens 13 Schüsse soll er abgegeben haben, die Staatsanwältin spricht von einer "maßlosen Überreaktion": Weil er mutmaßlich auf sechs Mitglieder des Motorradclubs MC Germanen geschossen hat, steht ein 32-Jähriger in Mannheim vor Gericht.
Er ist wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in sechs Fällen angeklagt, wie die Staatsanwältin beim Prozessauftakt im Landgericht mitteilte. Der Mann soll 2021 heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen zur Waffe gegriffen haben, weil er sich von den Männern gestört gefühlt haben soll. Laut einer früheren Mitteilung der Ermittlungsbehörden gehört der Angeklagte keiner Rockergruppierung an.
Der Angeklagte fühlt sich zunächst gestört
Der türkische Staatsangehörige soll sich im September 2021 im Außenbereich eines Cafés in Mannheim aufgehalten haben, als die Mitglieder des Motorradclubs in ihren Kutten ankamen. Darüber soll sich der Angeklagte mehrfach beschwert haben. Im Laufe des Abends sei es zu verbalen Auseinandersetzungen gekommen.
Als die Mitglieder des Motorradclubs später das Bistro verließen, soll der Angeklagte auf der Straße vor dem Café eines der Opfer gestoßen und einem anderen eine Ohrfeige gegeben haben. Daraufhin soll es zu einem Gerangel gekommen sein. Videoaufnahmen einer Überwachungskamera zeigen im Gericht Teile einer Schlägerei direkt vor der Eingangstür. Kurz darauf ist zu erkennen, wie ein Mann auf der Straße zusammenbricht und regungslos liegen bleibt. Weil die Kamera vor allem den Innenbereich filmt, ist die Szene allerdings nicht vollständig zu sehen.
Nach den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft habe der Angeklagte für die anderen völlig überraschend eine scharfe Schusswaffe gezogen, die er versteckt bei sich gehabt habe, sagte die Staatsanwältin. Sie sprach von einer "maßlosen Überreaktion". Der Angeklagte habe nicht als Verlierer in diesem Streit gelten wollen - und deshalb geschossen. Dabei habe er billigend in Kauf genommen, dass die Männer tödliche Verletzungen erleiden.
Der Angeklagte soll mindestens 13 Schüsse auf die Männer im Alter von damals 35 bis 45 Jahren abgegeben haben. Sie wurden unter anderem im Bauch und in den Beinen getroffen.
Rocker vermuten geplanten Angriff
Die Rocker selbst hatten in der Vergangenheit gegenüber der "Rheinpfalz" die Ansicht geäußert, dass es sich um einen geplanten Angriff gehandelt habe. Sie sprachen von einer privaten Fehde, die in einem länger zurückliegenden Streit eines Rockers mit mehreren Kurden in einer Shishabar wurzeln könnte.
Germanen-Präsident Norbert "Mac" Vilimek sagte der Zeitung damals, man habe seinen Jungs in der Kneipe "aufgelauert". Der Tatverdächtige habe Helfer gehabt, die die Schusswaffe besorgt und das Fluchtfahrzeug bereitgestellt hätten. "Nach der Tat wurden wir bedroht. Wir sollten aufpassen", sagte Vilimek demnach.
Mutmaßlicher Täter flüchtet mit Zeuge in Auto
Ein Polizist schilderte vor Gericht, wie er und seine Kollegen die Verletzten vor dem Café sowie in einer angrenzenden Seitenstraße entdeckt hatten. Rettungskräfte brachten die Opfer in verschiedene Krankenhäuser. Eines von ihnen lebt mittlerweile in Texas und hat Angaben eines Arztes zufolge nach dem Schuss eine Nekrose entwickelt. Dabei stirbt Gewebe in einem lebenden Körper ab.
Der mutmaßliche Schütze soll noch vor dem Eintreffen der Polizei von einem Zeugen in ein Auto gezogen worden und in Richtung Frankfurt gefahren sein. Zu dem Zeugen machte die Anklage bei Prozessauftakt zunächst keine Angaben.
Grundsätzlich habe die Polizei mit den MC Germanen nahezu keine Probleme, berichtete der Polizist vor Gericht. Laut der "Rheinpfalz" engagiert sich der Motorradclub auch karitativ, spendete etwa zugunsten des Gnadenhofs in Worms oder setzte sich für ein Kinderhospiz ein.
Das mutmaßliche Fluchtfahrzeug wurde kurz nach der Tat in einem Gewerbegebiet in der hessischen Gemeinde Eschborn gefunden, wie es damals hieß. Nach der Tat war der mutmaßliche Täter längere Zeit flüchtig. Laut einem Bericht in der "Rheinpfalz" wurde er auch mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Der Angeklagte sitzt laut Gericht bereits wegen einer anderen Sache in Haft. Warum, dazu äußerte sich eine Sprecherin nicht.
Angeklagter berichtet von psychischen Problemen
Im Mai 2019 hatte ihn ein Gericht demnach schon einmal verurteilt. Er war inhaftiert, kam ein Jahr später allerdings wieder auf freien Fuß. Danach habe der 32-Jährige im Garten- und Landschaftsbau gearbeitet, wie er vor Gericht berichtete. Wegen psychischer Probleme und damit verbundener starker Medikamente habe er seine Arbeit allerdings aufgeben müssen.
Er habe eine "gute Kindheit" gehabt, Alkohol oder Drogen hätten in seinem Leben nie eine große Rolle gespielt. Über seine Anwältinnen kündigte der Mann am ersten Prozesstag an, sich zu den Vorwürfen äußern zu wollen, allerdings erst an einem der späteren Verhandlungstage.
Vorerst zehn Verhandlungstermine
Das Landgericht Mannheim hat für das Verfahren vorerst insgesamt zehn Verhandlungstermine angesetzt. Ein Urteil könnte am 15. Dezember verkündet werden. Die Opfer treten in dem Verfahren laut Gericht nicht als Nebenkläger auf. Zu einem möglichen Strafrahmen für die angeklagten Taten äußerte sich eine Gerichtssprecherin nicht.